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Mirjams Weihnachtsgeschichte

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Mirjams Weihnachtsgeschichte

"Shalom Mirjam!" " Shalom, Andreas!"

Mirjam beschleunigte ihre Schritte. Während sie durch die engen Gassen des Ortes eilte, kehrten ihre Gedanken noch einmal zu Tante Rebekka zurück. Obwohl diese so gebrechlich war, hörte man sie niemals klagen und ein Besuch bei ihr war immer ein Gewinn. Mirjam hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, ihr jede Woche einmal einen Topf Suppe zu bringen. Und heute war die Zeit beim Reden wieder einmal so schnell vergangen, dass sie sich nun wirklich beeilen musste. Wahrscheinlich würde Josef schon zu Hause sein.

Seit dem Tod ihres Mannes vor fast zehn Jahren war Josef ihr Ein und Alles. Mirjam war stolz auf ihn. Er war in die Fußstapfen des Vaters getreten und Zimmermann geworden. In seinen jungen Jahren hatte er schon einen eigenen Betrieb. Er galt als fleißig und zuverlässig und hatte darum keine Probleme, Arbeit zu finden. Im Gegenteil: Manchmal musste er sogar einen Auftrag ablehnen, weil er die viele Arbeit nicht bewältigen konnte. Vor kurzem hatte er angedeutet, vielleicht einen Gesellen einstellen zu wollen. Das wollte er aber erst nach der Hochzeit machen.

Ja, die Hochzeit. Mirjam freute sich sehr, dass Josef sich so ein nettes Mädchen zur Braut ausgesucht hatte. Mit Maria würde er glücklich werden. Zuerst war Mirjam ein wenig eifersüchtig gewesen, als sie bemerkte, dass es da im Leben ihres Sohnes noch eine andere Frau zu geben schien. Aber bald hatte sie sich mit dem Gedanken angefreundet. Und als sie erfuhr, dass Maria die Auserwählte sein sollte, freute sie sich für ihren Josef. So war nun mal der Lauf der Welt. Und heute ertappte sie sich sogar manchmal bei dem Gedanken, wie es wohl wäre, mit einem Enkelkind durch die Gassen von Nazareth zu laufen. Ja, Mirjam war zufrieden mit Josefs Wahl. In wenigen Monaten sollte die Hochzeit sein. Mirjam plante bereits das Festmahl. Oh, sie war eine gute Köchin, und diesmal würde sie sich sogar noch selbst übertreffen. Die Leute sollten noch lange von dieser Hochzeit reden.

Nur noch ein paar Schritte und Mirjam war zu Hause. In der guten Stube brannte bereits Licht. Also war Josef schon da. Mirjam betrat ihr Haus und ging zuerst in die Stube, um ihren Sohn zu begrüßen. "Shalom, Josef! Ich bin etwas spät. Bei Tante Rebekka vergeht die Zeit immer so schnell". "Shalom, Mutter" erklang es müde aus seinem Mund. "Nanu? Hattest du einen anstrengenden Tag mein Sohn? Warte ich decke uns jetzt erst einmal den Tisch. Die Suppe steht ja bereits auf dem Herd. Du wirst sehen, nach dem Essen geht es dir schon wieder besser." Josefs Antwort war Schweigen. Während Mirjam Vorbereitungen für die Mahlzeit traf, machte sie sich so ihre Gedanken über ihren Sohn. Ob er wieder einmal einen seiner schwermütigen Tage hatte? Mirjam meinte, dass er seit dem frühen Tod des Vaters niemals wieder so unbeschwert gewesen sei wie vorher. Aber seit er mit Maria verlobt war, war er regelrecht aufgeblüht. Mirjam war Maria dankbar, dass sie so einen guten Einfl uss auf ihren Sohn ausübte. Nur in den letzten Tagen wirkte er wieder so bedrückt. Was war nur los?
Mirjam betrat die Stube mit dem Topf dampfender Suppe. Der würzige Duft erfüllte sofort den ganzen Raum. Sie füllte die Teller und bat Josef, das Tischgebet zu sprechen. Doch Josef saß nur stumm da und sagte kein Wort. Jetzt machte Mirjam sich wirklich Sorgen. Sie rückte die Teller beiseite und sagte: "Nun erzähl mir mal, was dich so bedrückt, dass du noch nicht einmal essen kannst." Josef schaute nachdenklich vor sich hin. Eine ganze Weile saß er einfach nur so da. Mirjam wusste, sie musste ihm Zeit lassen. Endlich seufzte er einmal tief und presste mühsam heraus: "Maria erwartet ein Kind."

Maria erwartet ein Kind. Maria erwartet ein Kind?? In Mirjams Kopf überstürzten sich die Gedanken. Maria ist schwanger? Welche Schande! Warum hatten die Kinder denn nicht bis zur Hochzeit warten können? Was sollten Marias Eltern nun von ihrer Familie denken? Sie hatten ihre Tochter Josef anvertraut - und nun? "Oh, Josef, musste das denn sein?"

Unwillkürlich hatte Mirjam diesen Gedanken laut formuliert. Josef zuckte zusammen. "Du weißt noch nicht alles, Mutter. Das Kind ist nicht von mir." Nicht von mir. Nicht von Josef?? Von wem denn dann? Mirjam konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Das konnte doch nicht sein! Maria hatte sich mit einem anderen Mann eingelassen? Maria, eine Ehebrecherin? Auch wenn die beiden noch nicht verheiratet waren, das Eheversprechen war doch schon gegeben. Mirjam konnte es einfach nicht glauben. Keines Wortes mächtig saß sie neben ihrem Sohn.

Nach einer ganzen Weile ergriff Josef das Wort. "Was ich dir jetzt sage, Mutter, wird dir unglaublich erscheinen. Bitte hör mir erst bis zum Schluss zu, bevor du etwas dazu sagst."

Wieder entstand eine Pause. Endlich sprach Josef weiter: "Schon vor ein paar Tagen hat Maria mir gesagt, dass sie ein Kind erwartet. Ich wollte sie verlassen, um sie für den Anderen freizugeben. Doch sie erzählte mir, dass ein Engel bei ihr gewesen sei und ihr dieses Kind angekündigt habe. Es sei ein Kind von Gott. Und sie sei auserwählt, dieses Kind zur Welt zu bringen. Ich habe ihr kein Wort geglaubt. Und dann noch diese Gotteslästerung! Du kannst dir nicht vorstellen, wie enttäuscht ich von Maria war. Ich meinte sie zu kennen, aber plötzlich schien sie ein vollkommen anderer Mensch zu sein! Doch in der darauf folgenden Nacht hatte ich einen Traum. Auch mir begegnete ein Engel. Und dieser Engel bestätigte das, was Maria mir bereits gesagt hatte. Und er sagte, ich solle sie nicht verlassen.

So unglaublich es klingt, ich bin nun überzeugt, dass Maria mich nicht belogen hat. Wir werden in aller Stille heiraten. Und dann wird Maria bei mir einziehen. Ich werde sie nicht anrühren, solange sie dieses Kind unter ihrem Herzen trägt." "Und von dir, Mutter" fuhr er fort, "erwarte ich, dass du Maria wie deine Tochter aufnimmst und ihr weiterhin mit Respekt begegnest. Und auch dem Kind. Es wird ein ganz besonderes Kind sein."

Mirjams Kopf fühlte sich seltsam leer an. Sie meinte, jeden Moment aus einem Alptraum aufwachen zu müssen. Aber nach und nach dämmerte ihr, dass alles Wirklichkeit war, Realität! Und es gab kein Entrinnen vor der Wahrheit. Wie konnte Josef nur so naiv sein und diese absurden Lügen glauben? Wie konnte er sich auf so etwas einlassen? Und dann die Nachbarn! Und die Verwandten! Nur zu bald würden sie erkennen, dass dieses Kind bereits vor der Hochzeit gezeugt wurde. Und mit dieser Schwiegertochter sollte sie nun in einem Haus wohnen! Ihr jeden Tag begegnen und das sichtbare Zeichen des Verrats immer vor Augen haben. Mirjam wollte etwas sagen, aber sie konnte nicht.

In ihrem Kopf arbeitete es unaufhörlich, aber es kamen keine klaren Gedanken dabei heraus. Wortlos stand sie auf, schüttete die Suppe aus den Tellern zurück in den Topf und machte sich daran, den Tisch wieder abzudecken. Mechanisch trug sie alles wieder in die Küche. Diese Schande! Ihr einziges Kind bereitete ihr solch großen Kummer! Alle Pläne von einer schönen Hochzeitsfeier dahin! Mit dem Enkelkind durch die Gassen gehen? Nein, nicht mit diesem Bastard! Niemals!

Endlich kamen die Tränen. Als sie einmal mit dem Weinen begonnen hatte, konnte sie nicht wieder aufhören. Später wusste sie nicht mehr, wie lange sie so dagesessen hatte. Sie fühlte sich so alleine mit ihrem Kummer! Wenn doch nur ihr Mann noch leben würde. Keiner war da, dem sie sich anvertrauen konnte. Keiner?

Plötzlich fielen ihr die vertrauten Geschichten ein, mit denen sie aufgewachsen war. Hatte nicht der Ewige sich immer um sein Volk gekümmert? Und auch sie gehörte doch zu diesem Volk. Hatte er nicht damals einer anderen Mirjam geholfen, als diese einen sicheren Ort für ihren Bruder Mose suchte? Hatte er nicht Hannas Gebete erhört, die keine Kinder bekommen konnte? Und auch Sarah noch im hohen Alter einen Sohn geschenkt? War er nicht mit Josef -Jakobs Sohn- verschlungene Wege gegangen, die zunächst wie ein Scheitern aussahen? Fast war es ihr, als wenn der Allmächtige selbst sie an diese Menschen erinnerte.

Mirjam trocknete ihre Tränen. Wenn Josef mit dieser Situation klar kommen konnte, dann wollte sie es auch versuchen. Es blieb ihr ja auch keine andere Wahl. Josef hatte seine Entscheidung getroffen, und er war jetzt der Mann im Haus. Was hatte er gesagt? Das Kind sei von Gott? Nein, das konnte sie nicht glauben. Soweit war Mirjam noch nicht. Aber sie wusste plötzlich wieder, dass dieser Gott, der ihren Vorfahren geholfen hatte, auch ihr helfen konnte. In ihr begann ganz langsam ein kleiner Zweig der Hoffnung zu knospen. Wer weiß, vielleicht würde mit Gottes Hilfe eines Tages ein Baum daraus.

Sigrid Hoof, 2002


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Diese lebendige Erzählung ist in ihrer Art ein kleiner Klassiker geworden, Zum ersten Mal entfaltete sie ihren Zauber 1892, als sie beim Weihnachtsgottesdienst in einer presbytanischen Kirche in New York vorgelesen wurde. Seither ist sie in 13 Sprachen übersetzt, um die ganze Welt gegangen. Millionen haben sich beflügeln lassen von ihrer Botschaft des Glaubensmutes - und von dem Gedanken: Es gibt ein Scheitern, das ist besser als jeder Erfolg.

Der vierte Weise aus dem Morgenland

nach einer Erzählung von Henry Van Dyke (1852 - 1933)
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von nichtdaemlich am 12. Dezember 2010 um 15:54 Uhr



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